Der Hochzeitstag: Sie

SCHREIBEXPERIMENT (Erläuterungen HIER)

Der Hochzeitstag

Die Sonne schien bereits ins Zimmer und lockte sie aus dem Bett, noch bevor der Wecker klingelte. Sie liebte den frühen Morgen, wenn der Lärm des Alltags noch nicht ausgebrochen war. Die Straße lag ruhig im Morgenlicht. Nur die Vögel zwitscherten munter und begrüßten den Tag. Genau so musste dieser Tag beginnen, ihr Tag. Zufrieden lächelte sie.

(er1)

(sie1) Sie stellte die Kaffeemaschine an und füllte die Gießkanne mit frischem Wasser. Noch war es angenehm, aber es würde ein heißer Tag werden. Sie ging durch die Wohnung und goss die Blumen in den Fensterbänken. Dann trank sie ihren ersten Kaffee und stellte den Anrufbeantworter an.

(er2)

„Hallo, mein Schatz. Seid ihr noch unterwegs? Ich freu mich auf morgen, brauchst nicht mehr zurückrufen. Ich liebe dich.“

(sie2) „Entschuldigen Sie die späte Störung………tut mir leid, dass ich einfach aufs Band spreche… ich kann Sie nicht erreichen…ich versuche es schon seit heute Mittag…………………………………….

Wir haben einen Wasserschaden in der Kirche durch den starken Regen letzte Nacht. Wir müssen die Hochzeit verschieben…………………..es tut mir wirklich leid……….rufen Sie doch bitte zurück.“

(er3)

„Liebes, hast du mit dem Pastor gesprochen? Er war ganz aus dem Häuschen,…“

Und so weiter. Ihre Mutter redete ohne Pause. Sie hatte einfach immer wieder angerufen und gnadenlos das Band besprochen.

Während ihrer dritten Nachricht schaltete sie den Apparat aus und setzte sich auf den Balkon. Merkwürdig, dass man die Hochzeit einfach so absagen konnte. Seit einem halben Jahr hatten sie jedes Detail geplant, und jetzt fand sie einfach nicht statt…

(sie3) Nachdem sie geduscht hatte, hängte sie das Brautkleid in den Schrank. Sie zog sich ein bequemes Sommerkleid an und überlegte, was sie mit dem Tag anfangen sollte. Sie trank noch einen Kaffee und nahm sich einen Apfel, als das Telefon klingelte.

Sie biss in den Apfel und verdrehte genervt ihre Augen, während ihre Mutter auf sie einredete. Eigentlich wollte sie wissen, ob der Pastor schon einen neuen Termin vorgeschlagen hatte, aber sie kam nicht zu Wort. Ihre Mutter redete und redete…aber, Moment mal. Wovon redete sie eigentlich?

„…sieh zu, dass du ins Krankenhaus kommst, die Ärzte sagen, es ist ernst…“

“ MUTTER ! Wovon sprichst du? Was ist denn los? Welches Krankenhaus?“

„Katharinenstift, beeil dich. Dein Vater und ich halten die Stellung.“ Klack.

Das war ’s

(er4)

Langsam ließ sie sich auf den Küchenstuhl nieder. Dann besann sie sich und ging zur Garderobe, um ihr Handy aus der Handtasche zu holen, fand aber nicht einmal die richtige Tasche. Na gut, dann würde sie eben ins Krankenhaus fahren und wen auch immer dort besuchen. Sie hatte keine Ahnung, wer das sein konnte. Ihre Großeltern waren beide schon vor Jahren gestorben und alle anderen Verwandten wohnten weiter weg. War von den Hochzeitsgästen schon jemand gestern angereist? Vielleicht hatte es einen Unfall gegeben…

Jetzt griff sie erneut zum Hörer, wählte seine Nummer. Achtmal ertönte das Leerzeichen, obwohl nach dem sechsten Klingeln eigentlich der Anrufbeantworter angehen sollte. Sie wartete. Es klingelte zwölf Mal, dreizehn, vierzehn. Schließlich legte sie auf und wählte seine Handynummer: „the person you`ve called is temporary not available“

Seltsam…Ok, es sollte nicht sein. Kurz entschlossen stand sie auf und griff wahllos nach einer Handtasche aus der Garderobe.

(sie4) Sie zog die Tür hinter sich zu und ließ den Schlüssel in die Tasche fallen. Sie lief die Treppen hinunter, betrat den Innenhof und erstarrte.

„Das darf doch nicht wahr sein…“, langsam hatte sie die Faxen dicke. An der Stelle, wo sie gestern Abend ihr gelbes Mountainbike abgestellt hatte, stand ihre alte Rostlaube, die sie schon vor Jahren dem Asylantenheim geschenkt hatte. Ungläubig trat sie näher.

Kein Zweifel, das war ihr altes Fahrrad.

Was, wenn der Schlüssel passte…

Schon hatten ihre Finger ihn aus der Handtasche gefischt. Tatsächlich…

Ohne weiter zu überlegen, nahm sie das alte Rad, schob es durchs Vorderhaus und stieg auf. Zum Katharinenstift waren es höchstens zwei Kilometer.

(er5)

Im Eingangsbereich des Krankenhauses suchte sie die Anmeldung vergebens. Sie hatten doch erst vor ein paar Jahren alles umgebaut. Was war denn jetzt wieder los? Sparten sie wieder Personal ein? Sie trat hinaus in die Auffahrt und entdeckte das Pförtnerhäuschen neben der Schranke. Kopfschüttelnd ging sie zurück.

Sie hob zu sprechen an, hielt dann inne.

„Zu wem wollen Sie denn, junge Frau?“

Der Mann hinter der Scheibe war freundlich, stellte aber die falsche Frage. Sie wusste es ja selber nicht. Sie versuchte es ihm zu erklären. Er schlug vor, sie solle mal in der Notaufnahme nachsehen, ob ihre Eltern dort auf sie warteten. Ansonsten gäbe es auf allen Fluren Wartezonen.

In der Notaufnahme waren sie nicht. Vielleicht ein gutes Zeichen.

Sie arbeitete sich durch den Westflügel von unten herauf bis in die sechste Etage. Dann ging sie rüber in den Ostflügel, wo sie Etage für Etage wieder hinunter stieg. Von ihren Eltern keine Spur.

(sie5) Sie ging auf den Besucherparkplatz. Das Auto ihres Vaters war nicht zu sehen. Der Pförtner winkte sie zu sich.

„Vielleicht sitzen sie in der Cafeteria. Probieren Sie es doch mal dort.“

Da saßen sie und starrten in ihre Kaffeetassen. Mutter winkte matt, während ihr Vater ihr entgegen kam und leise sagte:“ Oma geht es sehr schlecht. Kann sein, dass sie die Nacht nicht überlebt. Wir müssen deiner Mutter beistehen. Sie hat noch nichts gegessen…“

„Oma?“

„Sie hatte einen Schlaganfall. Muss über Nacht passiert sein. Seit dem frühen Morgen spricht sie nicht. Liegt nur da und schaut zur Decke. Keine Ahnung, ob sie was mitbekommt…“ 

(er6)

(sie6) Ihre Oma war vor sechs Jahren gestorben, an einem Schlaganfall. Die Ärzte hatten sie nicht mehr retten können. Zu lange war ihr Gehirn ohne Sauerstoff gewesen.

Sie musste immer an dieses Lied denken: „Love is like Oxygen…not enough and you gonna die…“

(er7)

(sie7) Leere. In ihrem Kopf hatte sich Leere ausgebreitet. Sie verstand nichts mehr. Und da hatte ihr Gehirn beschlossen, eine Auszeit zu nehmen. Vater war aufgestanden, um ihr einen Kaffee zu holen. Mutter legte ihre kalte Hand auf ihre und sagte:“ Kannst du dir das vorstellen, dass sie morgen vielleicht nicht mehr da ist?“

Sie hatte so leise gesprochen, dass es kaum zu hören war. Die Anstrengung des Hinhörens hatte ihr Gehirn wieder aktiviert. Sie trank ihren Kaffee und beschloss, dass sie sie sehen wollte.

Wenn sie tatsächlich noch einmal sterben musste, wie immer das möglich war, dann vermutlich ihretwegen. Schließlich hatte sie damals nicht bei ihr sein können. Sie war mit ihrer Freundin in Rimini gewesen. Sie wollten nur kurz Bescheid sagen, dass sie gut angekommen waren. Sie hatte sich schon gewundert, dass ihr Vater ans Telefon gegangen war. Er sprach nicht viel. Das hatte er immer gern seiner Frau überlassen. Mutter war die ganze Nacht im Krankenhaus geblieben, während Vater zu Hause auf ihren Anruf gewartet hatte.

Und jetzt sollte das Ganze noch einmal stattfinden?

nur für sie?

Absurd…

…arme Oma…

…arme, liebe Oma….

Vater ging mit ihr auf die Station, sprach mit den Schwestern. Dann zeigte er ihr das Zimmer und ließ sie allein. Sie sah auf die Tür, Leere im Kopf. Vaters Schritte verklangen in der Ferne. Dann hörte sie die Tür zufallen. Jetzt war es still. Sie legte die Hand auf die Klinke, die seltsam kühl war. Eine Schwester ging über den Flur, blieb kurz bei ihr stehen, legte die Hand auf ihre Schulter.

„Gehen Sie ruhig rein.“

Schon war sie weiter gegangen. Aber das weiche Gefühl der Hand auf ihrer Schulter war geblieben. Langsam drückte sie die Klinke herunter.

In dem Raum stand ein einziges Bett. In der Ecke ein Stuhl, ein Nachtschrank, ein Kleiderschrank. Gelbe Vorhänge wehten lautlos im sanften Wind. Die Fenster waren geöffnet, verdrängten den Geruch von Krankheit und Medizin. Auf dem Bett lag ein kleiner, lebloser Körper unter einer gelben Bettdecke. Klein und verloren sah sie aus, viel zu klein. 

(er8)

War sie es wirklich? Konnte das sein?

Sie holte sich den Stuhl ans Bett, setzte sich und schaute auf das unbewegliche Gesicht.

Die Augen waren nur halb geöffnet, schauten ins Leere.

Als sie lange genug hinsah, konnte sie sehen, dass der Brustkorb sich bewegte.

Gut.

(sie8) Sie war nicht zu spät.

Sie nahm ihre Hand, die überraschend warm war. Und unglaublich leicht. Wie einer der Vögel, die sie früher zusammen zum Tierarzt gebracht hatten, wenn er aus dem Nest gefallen war. Ihre Oma war sehr tierlieb gewesen. Hatte jeden Tag die streunenden Katzen gefüttert. Abends war sie erst ins Bett gegangen, nachdem der Igel in ihren Garten gekommen war, ihn nach Käfern und Schnecken abgesucht hatte und weitergezogen war.

Am meisten aber hatte sie die Vögel geliebt. Im Winter hatte sie am Fenster gesessen und dem regen Treiben um das große Vogelhaus zugesehen. Das Zwitschern der Vögel war die Melodie ihres Lebens in dem einsamen Haus am Waldrand gewesen. Nur selten hatte man ein Auto gehört. Wenn doch, war es der Briefträger gewesen oder die Eltern, die gekommen waren, um sie aus der märchenhaften Welt zurück nach Hause zu holen.

„Helene“. Ihre Stimme war belegt und viel zu ängstlich. Sie versuchte es noch einmal:

„Oma Lenchen. Hörst du mich?“

Die Lider hoben sich.

Der Kopf wollte sich drehen, aber die Kraft fehlte ihr.

Sie schauderte.

Wieder fiel ihr ein, dass es eigentlich nicht sein konnte.

Wie war das möglich?

Sie setzte sich auf die Bettkante, so, dass sie sich ansehen konnten und nahm ihre Hand.

Lange saß sie da.

Ihre Gedanken wanderten.

Allmählich stellte sich in ihrem Innern ein Einverständnis ein mit dieser unbegreiflichen Wiederholung der Ereignisse, die längst der Vergangenheit angehörten. Sie fügte sich dieser seltsamen Wendung und begann, über den bevorstehenden Verlust zu trauern.

Die Tränen liefen über ihr Gesicht und tropften in den Halsausschnitt ihres Kleids. Endlich! All die Jahre hatte sie nicht weinen können. Sie hatte es so bedauert, dass sie nicht mehr mit ihr hatte sprechen können. Sie hatte ihr doch noch etwas sagen müssen. Etwas stand zwischen ihnen, etwas Unausgesprochenes. So lange hatte sie es für sich behalten, dass es immer schwerer gewogen hatte. Als sie aber von ihrem Tod erfahren hatte, wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war, es nicht zu sagen.

Jetzt verstand sie, warum es passierte.

Jetzt konnte sie es nachholen. Endlich hatte sie die Chance, die Sache zu bereinigen, und Abschied zu nehmen. Es war nicht leicht, aber es musste sein. Nur so konnten sie beide ihren Frieden finden.

Vermutlich würde das niemand verstehen, warum sie so lange geschwiegen hatte. „Kinderkram“ hätte ihr Vater das genannt. Er war nicht sehr gut in solchen Dingen. Niemals würde er begreifen, was es mit ihnen gemacht hatte. Je länger sie gezögert hatte, desto tiefer war der Graben geworden, der sie trennte. Sicher war ihre Großmutter enttäuscht gewesen. Sie selbst war es auch. 

(er9)

(sie9)  „Oma…“, Sie räusperte sich.

„Oma, erinnerst du dich an den kleinen Porzellanengel mit der Harfe?“

Sie erschrak. Die alte Frau hatte den Kopf etwas zur Seite geneigt und aus den vertrauten braunen Augen traf sie der warme liebevolle Blick ihrer Großmutter. Sie hatte es nicht vergessen. Wie auch?

„Du hast ihn so geliebt…“ Sie stockte. Jetzt, da sie wusste, dass sie sie hören konnte, fiel ihr das Sprechen noch schwerer.

„Ich auch. Ich habe ihn auch geliebt. Immer hast du kleine Geschichten von ihm erzählt. Das war schön. Das gehörte nur uns beiden. Harmlose kleine Geschichten, in denen das Böse nicht existierte. Bei dir hatte ich immer dieses sichere Gefühl, dass es das Böse nicht gab. Alles war gut, wenn ich bei dir war. Jeder Tag war friedlich, plätscherte dahin ohne böse Überraschungen. Es war fast wie in den Geschichten von dem kleinen Engel.

Wenn du auf dem Markt warst, habe ich ihn vorsichtig aus dem Regal genommen. Ich konnte ihm nicht widerstehen. Mit dem Finger habe ich über den glatten, kühlen Kopf gestrichen und mir vorgestellt, wie es im Himmel wohl wäre. Das hast du ja immer gesagt, wenn wir ihn zusammen angeschaut haben: Stell dir vor, wie es im Himmel ist, wenn die Engel ihre wunderschöne Musik machen. So fingen deine Geschichten immer an.

Einmal hatte ich wieder den Engel genommen. Und gerade, als ich ihn zurück an seinen Platz stellen wollte, klingelte es an der Tür. Ich war so erschrocken, dass ich ihn fallen ließ. Es war schrecklich, er zersprang in viele, kleine Stückchen. Nichts von seiner Schönheit war geblieben. Die makellose Oberfläche war für immer dahin…“

Sie spürte, wie die alte Hand sanft die ihre drückte, als wollte sie sie trösten.

„Ich habe mich so geschämt! Ich sollte ihn ja nicht allein in die Hand nehmen. Und nun hatte ich ihn kaputt gemacht. Wenn du zurück kämst, würdest du es sehen.Und du würdest genauso traurig sein wie ich. Vielleicht würdest du auch böse werden. Vielleicht würdest du mich nie wieder bei dir haben wollen, weil ich so ungezogen war.“

Das Gefühl von Scham und Angst vor Zurückweisung, das sie als Kind in diesem Augenblick gespürt hatte, war wieder da und packte sie mit aller Macht.

Wieder spürte sie den sanften Druck der Hand. Wer weiß, wie viel Zeit sie noch hatten. Sie musste weiter sprechen.

„Schnell habe ich die Scherben eingesammelt. Sehr sorgfältig habe ich jeden kleinsten Splitter in meine Hand gelegt. Dann habe ich mir aus der Küchenschublade eine Brotpapiertüte genommen und alles dort hinein getan.

Zu Hause habe ich die Teile wieder zusammen geklebt. Es hat furchtbar lange gedauert. Ich hatte alle Teile gefunden. Nichts fehlte. Und doch war das Ergebnis grauenhaft. Nichts war einem Engel unähnlicher als dieses schreckliche, zersplitterte Gebilde. Ich konnte seinen Anblick nicht ertragen, der mir mein Missgeschick vor Augen führte. Zornig warf ich ihn an die Wand. Da lag er wieder in unzählige Stückchen zersplittert. Er würde nie wieder so schön sein wie vorher. Nichts würde je wieder so schön sein. An diesem Abend weinte ich mich in den Schlaf, so verzweifelt war ich.

Vor meinem nächsten Besuch bei dir hatte ich furchtbare Angst. Ich hatte gehofft, du würdest mich wieder nach Hause schicken. Dann hätte ich dir nicht in die Augen sehen müssen. Das wäre einfacher gewesen.“

Sie lächelte und sah ihre Großmutter eine Weile an. Leise fuhr sie fort.

„Aber das hast du nicht getan.“ Wieder liefen die Tränen unaufhaltsam. „Du warst genauso lieb und sanft wie immer. Und als du mich nach dem Engel gefragt hast, musste ich dich anlügen, damit du mich weiter liebhaben würdest. Ich weiß noch, dass ich dir nicht dabei in die Augen sehen konnte. Stattdessen habe ich auf deine Schuhe gesehen. Du hattest die hellblauen Lederschuhe angezogen, die so gut zu deinem Kleid passten, denn wir wollten in die Stadt fahren. Auf diese Schuhe habe ich gesehen, als ich gesagt habe, dass ich nicht wüsste, was mit dem Engel passiert sei. Natürlich hast du es die ganze Zeit gewusst, hast dir bestimmt gedacht, dass ein Unglück passiert war…“

Noch einmal spürte sie den sanften Druck der kleinen Hand. 

(er10)

(sie10) „Ach, Oma. Es tut mir so leid, dass ich es dir nicht sagen konnte…“

„Ich habe dich immer geliebt, meine Kleine“, sagte sie mit leiser Stimme. „Alles ist gut. Komm.“

Sie ließ sich vornüber zu ihr hinunter und schluchzte an ihrem Hals, während die alte Frau mühsam ihre Hand hob und tröstend auf ihren Kopf legte. Es dauerte lange, bis ihre Tränen versiegten. Schließlich richtete sie sich wieder auf und lächelte ihr mit scheuem Blick zu. Dann spürte sie wie sich langsam Erleichterung in ihr setzte, sich ausbreitete, bis sie eine stille Freude in sich spürte.

Die Großmutter lächelte ebenfalls. Sie war mit sich und den Menschen in Frieden. Allerdings: etwas gab es noch zu tun. Sie schaute zu ihrer Enkelin und dann auf den Nachtschrank. Sie verstand es nicht gleich, also half sie ihr:

„Mach sie auf.“

Vorsichtig zog sie die Schublade des Nachtschranks auf. Dort lag eine rote Schachtel, nicht größer als ein Adressbuch. Sie nahm sie heraus, schaute ihre Großmutter fragend an.

„Nimm sie mit. Das ist mein Geschenk zum Abschied.“

Bei diesen Worten begann die Hand, welche die Schachtel hielt, zu zittern. Die alte Frau legte ihre Hand auf die der jungen Frau und sprach jetzt sehr leise.

„Alles ist gut, meine Kleine. Jetzt gehst du ohne mich weiter, aber ich werde immer ein Auge auf dich haben. Geh jetzt nach Hause. Ich bin müde.“ 

(er11)

(sie11) Der Fahrtwind tat gut. Befreit trat sie in die Pedale. Sie war eine große Last losgeworden. Erst, als sie das Fahrrad im Hof abstellte, fiel ihr auf, dass sie sich gar nicht bei ihren Eltern verabschiedet hatte. Egal. Sie zuckte mit den Schultern und ließ jeden Zweifel hinter sich.

Selten hatte sie so einen Hunger. Sie machte sich eine große Portion Spaghetti und ließ sich auf dem Sofa nieder. Jetzt brauchte sie erst einmal einen schönen, rührseeligen Film mit Happy End. Dabei konnte sie ihre eigenen Sorgen am besten hinter sich lassen.

Das Telefon riss sie aus dem Schlaf. Sie lag auf dem Sofa, der Fernseher war noch an. Durch die Balkontür wehte die kühle Nachtluft herein. Sie wollte gerade drangehen, als der Anrufbeantworter sich anschaltete. Sie setzte sich einen Kaffee auf, während sie der Nachricht lauschte:

„Hallo, Süße. Ich hatte einen total verrückten Tag. Gehts dir gut? Ich muss dich unbedingt gleich morgen früh sehen. Hab nämlich Sehnsucht nach dir. Wenn du nicht mehr anrufst, stehe ich um neun mit Brötchen vor der Tür. Ich liebe dich.“

Sie begann zu grübeln, wie es nun weitergehen würde. Welches Datum morgen wohl auf der Zeitung stehen Würde?

Ein seltsames Gefühl beschlich sie. Sie konnte es nicht deuten, die Müdigkeit steckte noch in ihrem Kopf.

Sie nahm den Kaffeebecher mit auf den Balkon. Die Luft war herrlich. Die Hitze des Tages war vergangen. In der lauen Abendluft konnten die Blüten ihr Aroma entfalten. Der Mond war fast voll und die Wolken jagten über den Himmel und verdunkelten ihn in hin und wieder.

Plötzlich hatte sie Gewissheit. Das war es, was sie gefühlt hatte. Sie wusste jetzt, dass der Spuk vorbei war. Alles würde weitergehen, jetzt, da alles wieder gut war. Sie lief ins Schlafzimmer, schob die Vorhänge zur Seite. In dem Moment gaben die Wolken den Mond frei, der alles in ein unwirkliches Licht tauchte. Aber stimmte nicht. Das hier war die Wirklichkeit, das Leben, ihr Leben. Und es ging genauso weiter, wie sie es zurück gelassen hatte. Nur besser.

Unten im Hof leuchtete das Fahrrads gelb auf und sagte ihr, dass sie Recht hatte.

Beruhigt ging sie ins Wohnzimmer. Auf dem Tischchen lag die rote Schachtel. Noch immer verschlossen. Sie setzte sich und streckte die Hand danach aus. Noch bevor sie den Deckel abgehoben hatte, wusste sie es schon. Es konnte nur eins sein:

Ein kleiner Porzellanengel mit einer Harfe.

Sie schloss die Augen und lächelte.

 

4 Gedanken zu “Der Hochzeitstag: Sie

  1. Eine Geschichte (bis jetzt nur in der „sie“-Perspektive gelesen) die sehr angenehm zu lesen ist, eine Wendung ins phantastische macht und zurück, der man als Leser aber folgen kann und echt schwer auf die Tränendrüse drückt, aber warum auch nicht? Die „zweite Chance“, die die Frau in Bezug auf ihre Großmutter bekommt, erfolgt sacht, stufenweise und schon nachvollziehbar. Die Rückführung in die Realität geht mir einfach zu schnell. Da ist auch mehr (komprimiertes) Erklären als Zeigen. Und ich habe mich gefragt, (wie gesagt, die „er-Version“ habe ich nicht gelesen), warum Du den Titel „Der Hochzeitstag“ gewählt hast? Um auf keinen Fall etwas von den phantastischen Elementen vorweg zu nehmen? Zunächst sieht es ja aus, dass die Hochzeit schlicht ausfällt, was sie übrigens sehr locker hinnimmt. Denn wenn es eine Berechtigung für einen Nervenzusammenbruch gibt, dann bestimmt wenn die eigene Hochzeit kurzfristig ausfällt. Hm. Auf der anderen Seite wäre dieser Tag ganz bestimmt ein unvergessliches Ereignis …! Es gibt ein Wort in dem Text, welches in kursiv gesetzt ist: „streuende“ Katzen. Ein unbeabsichtigter Fehler? Ich konnte mir nicht vorstellen, warum „streunen“ an dieser Stelle so hervorgehoben werden sollte, mit der Story hat das für mich überhaupt nichts zu tun. Auch nicht zur Beschreibung der Oma. Manche Formulierungen haben meinen Lesefluss gestört, weil sie vielleicht etwas „kantig“ sind. Aber so etwas müsste man von Zeile zu Zeile und von Satz zu Satz belegen und mit Alternativvorschlägen versehen, doch das würde den Rahmen hier sprengen. Die Idee des Ganzen ist originell und ich bin auch nicht gegen hoch emotionale Texte! Der Text rutscht ja auch nicht in den Kitsch (trotz Porzellan-Engel! 😉 ), , eher eine gute Mischung zwischen Rationalität und Gefühl.

    Gefällt mir

schreib, was du denkst!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s