LEBEN – Kurzhörspiel

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Erzähler: Vera lehnt ihr Fahrrad an den Baum, (Atmo: Fahrrad) der seinen 
langen Schatten auf die Tür des altenHauses wirft. Sie nähert sich mit 
schnellen Schritten. (Leises Knirschen auf Sand)
An der Tür hängt ein Schild, auf dem die Umrisse eines Baums abgebildet
sind. Darauf stehtin Großbuchstaben
Vera: LEBEN. Genau wie auf dem Brief-kopf...
Erzähler: Sie öffnet die Tür und 
tritt ein. (Tür auf, zu, Knarren der Bohlen) Der Flur durchmisst das Haus in ganzer Länge und mündet in einer 
kleinen Tür mit Fenster,durch das 
Sonnenlicht hereinflutet. Ein lang 
gezogener Lichtteppich auf den Dielen. Zu beiden Seiten des Flurs 
drei Türen. Stumm starren sie auf ihr Gegenüber.
Plötzlich spürt Vera Ungeduld. Sie dreht sich nach rechts und 
öffnet die erste Tür.
(Faxgeräte, Drucker, Schredder, Telefone. Männer am Telefon,
Papier:lochen, heften, blättern,...)
Erzähler: Vera betritt einen Raum, in dem ein unglaubliches Chaos 
herrscht. Schreibtische und Regale stehen kreuz und quer, beladen
mit Bergen von Papier. Es türmt sich zu hohen Stapeln auf den Ti-
schen, quillt aus Ablagefächern, Schubladen und Papierkörben. 
Kompanien von Aktenordnern drängen sich in den Regalen, drohen 
den Halt zu verlieren und aus den Fächern zu stürzen. Männer mit 
aufgekrempelten Hemdsärmeln sprechen in die winzigen Mikrophone 
ihrer unsichtbaren Headsets. Frauen mit praktischen Kurzhaarfri-
suren jagen mit langen Fingern über Tastaturen. Es wird gelocht,
geheftet, sortiert und geschreddert. Alle sprechen durcheinander,
manche raufen sich die Haare oder kauen auf Kugelschreibern.
Frau: (ungeduldig) Da sind Sie ja endlich.
Vera: (erschrocken) Oh...Entschuldigung. Ich hab Sie gar nicht
bemerkt...
Frau: Wir warten schon seit einer Ewigkeit. Glauben Sie bloß nicht,
dass Sie damit durch kommen.Sie müssen die Zeit wieder rein
arbeiten. Hier. Das muss alles abgeheftet werden. Setzen Sie sich
und fangen Sie an.
Vera: Ja, wie...? Wie soll ich das denn sortieren?
Frau: Nicht sortieren. Nur abheften. Eins nach dem anderen.
Vera: Und wenn der Ordner voll ist?
Erzähler: Alles erstarrt. Kein Laut ist zu hören. (Stille. nach
einer Weile geht ein Drucker an)
(Schrilles Lachen der Frau. Dann alle: versch. Tonlagen, laut + 
albern)
Frau (laut, das Lachen übertönend) Kollegen...! Bitte! (Lachen 
ebbt ab) Merken Sie sich eins, Schätzchen, der Ordner wird nie 
voll. (Bürolärm, s.o.)
Erzähler: Seufzend macht Vera sich an die Arbeit: Lochen und Ab-
heften, lochen, abheften, Blatt für Blatt. Sie arbeitet zügig. 
Und dochscheint der Stapel nicht kleiner zu werden. Prüfend
betrachtet sie den Aktenordner.
(Frau, hallend): der Ordner wird nie voll"
Erzähler: (Faxgerät, nah) Neben ihr spuckt ein Faxgerät ein 
Papier nach dem anderen aus. Die frisch gedruckten Blätter 
rutschen direkt in einen Papierkorb unter dem Schreibtisch. 
Eine Frau (Absätze klappern) eilt herbei, füllt das Papier in 
einen Sack und bringt es fort. (Das Faxgerät verstummt. Pause.
Telefonklingeln, ganz nah)
1. Mann: Regionale Papierverarbeitungszentrale. Mein Name ist 
Weiß. Was kann ich für Sie tun?... Ja, ich verstehe... Ja, 
natürlich, schicken Sie es per Fax.....Keine Ursache. Wir sind
jederzeit gerne für Sie da. (Faxgerät,Telefonklingeln) Regionale
Papierverarbeitungszentrale,...
Frau: "Los, Kindchen, kommen Sie mit."
Erzähler: Die Frau hat sich unbemerkt genähert. Sie nimmt den 
Ordner vom Tisch und bahnt sich einen Weg durchs Gedränge. Vera 
steht auf und folgt ihr. Sie gehen durch eine Tür in den Neben-
raum. (Tür auf, zu. Stille) Hier steht ein einziger Tisch an der 
Wand, darauf einFaxgerät. An der Wand ein Zettel mit einer Zahlen-
reihe. Die Frau legt den Ordner auf den Tisch, nimmt das oberste 
Blatt heraus und legt es in den Einzug des Geräts. (Papiereinzug.
Stille) Sie tippt die Nummer ein. (versch. Pieptöne, Tuten, Pfeif-
ton) Mit einem heftigen Ruck wird das Papier wieder ausgespuckt. 
Die Frau zerknüllt es (Rascheln) und wirft es in den Papierkorb.
Frau: Das muss alles heute noch weg. Also, worauf warten Sie? 
(Tür auf, Bürogeräusche Tür zu)
Vera: (seufzend) Endlich allein. 
Erzähler: Vera macht sich an die Arbeit. (Faxgerät, s.o.) Bald 
darauf kommt ein junger Mann und leert den Papierkorb.
2. Mann: Mehr haben Sie noch nicht weg? (2x Klopfen) Na los. 
Machen Sie mal `n bisschen Tempo.
Erzähler: Der junge Mann verschwindet durch eine zweite Tür, die 
Vera noch gar nicht bemerkt hat. Sie muss der Sache nachgehen. 
Kurz zögert sie. Dann greift sie nach der Klinke und tritt ein.
(Applaus) Vera wird bereits erwartet. Vier Frauen und sechs 
Männer stehen ihr im Halbkreis gegenüber. Die Frau kommt auf sie
zu, reicht ihr ein Sektglas und stößt mit ihr an. (Klirren der 
Sektgläser)
Frau: (fröhlich) Gratuliere zur Beförderung.
Vera: Wie...?
Erzähler: Vera bleibt keine Zeit, zu fragen, denn schon kommen die
anderen Kollegen, um mit ihr anzustoßen. (Gläserklirren, Lachen,
alle sprechen durcheinander)
Frau (2x Klatschen) So. Genug gefeiert, ihr Lieben. Zurück an die
Tische, wenn ich bitten darf.
Erzähler: Die Gespräche verebben. Gläser werden zurückgestellt. 
Murrend geht jeder an seinen Platz.
Frau: (leise) Alles Gute.
Vera: Warten Sie. Was ist denn jetzt meine Aufgabe?
Frau: Das müssen Sie schon selber wissen. Wir sind hier ja nicht im
Kindergarten.
Vera: Sollte ich nicht die übrigen Faxe abschicken?
Frau: (lacht kurz auf) Sie sind vielleicht naiv. Natürlich können
Sie zurück gehen, aber denken Sie daran: Diese Tür wird Ihnen dann
für immer verschlossen bleiben.
(warnend) Denken Sie an meine Worte.
Erzähler: Vera lehnt sich zurück, den leeren Tisch vor sich. 
Nacheinander zieht sie die Schubladen auf und schiebt sie wieder
zu. Sie sind alle leer. Kein Papier, kein Bleistift. Nichts. Sie
sieht sich um. Am Nebentisch lackiert sich eine Frau die Finger-
nägel. Weiter vorn baut ein Mann ein Kartenhäuschen. Von links
schießt eine Papierkugel dazwischen. Ein älterer Herr mit Vollbart
schaut herüber und lacht leise. Vera wird ungeduldig. (Fingertrom-
meln auf dem Tisch) Dann springt sie auf.
Vera: (aufgebracht) Was macht ihr denn da? Nebenan schuften sie
und ihr kommt um in Eurer Langeweile... (allgem. Gelächter)
Erzähler: Plötzlich sieht sie eine Tür an der Stirnseite des Raums.
Sie läuft hinaus und steht wieder im Flur. Noch dringt ein wenig
Tageslicht durch das Fenster in der Tür.. In der anderen Richtung
muss die Haustür sein. Dort ist es stockdunkel. Sie tastet sich 
vorwärts und stößt auf etwas Hartes.
Vera: (erschrocken) Au!... ist das...eine Wand? (Frau, hallend):
"Denken Sie an meine Worte"
Erzähler: Kurzerhand dreht sie sich um und läuft zu der Tür mit 
dem Fenster und hinaus in den Hof.
Die Sonne hat den Zenit schon überschritten. Vera dreht sich um.
Eine riesige Mauer hat die Welt in zwei Hälften geteilt. Sie hat
sich mitten durch das Haus gezogen und trennt alles ab, was dahin-
ter liegt. Einen Moment lang bedauert sie, dass sie ihr Fahrrad 
zurücklassen musste.
Dann geht sie los.

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